Begleitausgang

An einem wunderschönen Hochsommermorgen hole ich den Gefangenen Werner D. sehr früh für einen Begleitausgang aus der JVA ab. In der Anstalt wartet Werner bereits auf mich. Er hat auf der Kammer schon seine Anstaltskleidung gegen zivile Straßenkleidung getauscht. Der Ausgangsschein liegt in der Zahlstelle. Mit dem Ausgangsschein bekommt Werner auch das Geld ausgezahlt, das er aus seinem Arbeitsverdienst für diesen Begleitausgang beantragt hat. Der Dienstwagen ist startklar. Wir fahren überpünktlich und bei strahlendem Sonnenschein aus der Anstalt los. Es liegt eine sehr weite Strecke vor uns – mehr als 400 Kilometer.

Unser Ziel ist eine anthroposophische Drogentherapieeinrichtung, das Friedrich-Daumer-Haus in Sinntal-Schwarzenfels. Ich kenne Werner schon seit Jahren, nicht erst, seit er in die Evb aufgenommen worden ist. Ich habe ihn bereits während einer früheren Inhaftierung betreut. Wir haben einen guten Draht zueinander.

Aus meiner Sicht ist das Daumer-Haus für Werner besonders gut geeignet. Ich schätze ihn als einen ziemlich sensiblen Menschen ein, der eher etwas Behütendes benötigt, ganz sicher keine Einrichtung, die überwiegend mit verhaltenstherapeutischen Methoden arbeitet. Werner erhofft sich von dem Vorstellungsgespräch eine Therapieplatzzusage – eine solche Zusage ist die notwendige Voraussetzung für seine vorzeitige Entlassung aus der Haft in die Therapie gemäß § 35 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG).

Wir fahren mit einer Pause etwa vier Stunden bis nach Sinntal-Schwarzenfels. Dort, rund 50 Kilometer südlich von Fulda, liegt die Einrichtung. Die Fahrt verläuft angenehm, auch wenn wir überwiegend schweigen. Für vier Stunden Fahrt reicht unser Gesprächsstoff einfach nicht aus. Werners Nervosität steigt, je näher wir der Einrichtung kommen. Bei unserer Ankunft werden wir freundlich aufgenommen. Eine Mitarbeiterin führt uns durch die Einrichtung, die einen hellen, freundlichen Eindruck macht. Werner geht ohne meine Begleitung mit einer Therapeutin der Einrichtung in das Aufnahmegespräch. Er will das allein schaffen – und er bekommt seine Aufnahmezusage.

Was als Nächstes passieren wird, ist absehbar. Es wird noch eine Zeit dauern, bis alle Formalitäten erledigt sind. In vier bis sechs Wochen wird Werner aus der Haft entlassen und seine Therapie antreten können. Ich werde ihn wieder fahren. Nach dem Vorstellungsgespräch unternehmen wir noch einen kurzen Spaziergang zur Ruine von Burg Schwarzenfels und tauschen dabei unsere Eindrücke aus. Wir sind uns einig, dass das Daumer-Haus die geeignete Einrichtung für Werner ist.

Die Rückfahrt verläuft sehr schweigsam. Alle wesentlichen Dinge sind besprochen und die Spannung des Tages löst sich. Die lange Fahrt fordert dennoch ihren Tribut. Ich freue mich schon sehr auf meinen ungewöhnlich späten Feierabend. Die Sonne hat uns den ganzen Tag begleitet und ist mit nach Bremen zurückgekehrt. Es ist noch nicht zu spät, um an der Weser zu sitzen, ein Bier zu trinken und den Tag ausklingen zu lassen.

Je näher wir Bremen kommen, desto stiller wird Werner. Wir haben auf der Rückfahrt nicht viel geredet – es gibt offenbar noch eine Steigerung von „nicht viel reden“. Werners Perspektive ist nicht die, den Tag mit einem Bier in der Hand am Weserufer ausklingen zu lassen. Seine Perspektive ist es, die letzten Stunden bis zum Einschluss in seiner Zelle oder der eines Mitgefangenen mit Reden, dem Beantworten von Fragen über den Begleitausgang, Zigarettenrauchen, Karten- oder Backgammonspielen zu verbringen. Die Freistunde ist längst vorbei. Nach all den Eindrücken des Tages – der langen Fahrt, dem Gespräch in der Therapieeinrichtung – gibt es für Werner nicht einmal mehr die Gelegenheit, sich auf dem Anstaltsrasen vor Haus IV von der Sonne bescheinen zu lassen.

Als wir noch knapp 50 Kilometer vor uns haben, meldet der Verkehrsfunk einen umgekippten Lkw an der Anschlussstelle Verden. Wir müssen die Autobahn verlassen und „über die Dörfer“ weiterfahren.

Ich bemerke, dass sich die Stimmung im Auto langsam, aber merklich verändert. Werner ist nicht nur schweigsam – er denkt nach. Ich spüre das. Er überlegt, wie er von diesem Begleitausgang fliehen könnte. Das Wetter ist schön. Er könnte sich nach ein paar Tagen wieder in der Anstalt stellen – oder warten, bis man ihn wieder festnimmt. Das würde seinen Therapieantritt zwar erheblich verzögern, aber die Sonne scheint jetzt. Und wenn es eine Gelegenheit zur Flucht gibt, dann wird er sie nutzen. Für ihn ist es entschieden.

Ich spüre das. Schon viele Gefangene sind mir bei Begleitausgängen entwischt. Das passiert. Die Kollegen aus der Vollzugsgeschäftsstelle ziehen mich manchmal damit auf und nennen mich scherzhaft „Fluchthelfer“. Sie sind es schließlich, die nach der Wiederergreifung des Gefangenen die Strafzeitberechnung aktualisieren müssen. Sie dürfen sich mit ihrem Scherz für die zusätzliche Arbeit revanchieren!

Ich überlege nun, dass ich unter keinen Umständen mit Werner durch die Stadt fahren kann. Wir kommen von Süden über Hemelingen und Mahndorf. Wir müssten am Hauptbahnhof vorbei und dann quer durch ganz Walle, bevor wir Oslebshausen erreichen würden. Da gäbe es viele rote Ampeln. Werner könnte an jeder Ampel einfach aussteigen und „Tschüss“ sagen – und ich dürfte ihm noch nicht einmal hinterherlaufen, obwohl ich laut Dienstanweisung zur „unmittelbaren Nacheile“ verpflichtet wäre. Ich hätte keine Chance, ihn aufzuhalten. Das Auto würde die Spur blockieren, und wenn er dreist wäre, würde er nicht einmal an der erstbesten Ampel flüchten. Er würde warten, bis wir in der Innenstadt oder am Bahnhof halten müssen – dann: Tür auf und weg, vielleicht noch in der Menge verschwinden. Und er würde denken: „Gut chauffiert, Wolfgang!“ – „Danke für den Lift in die Freiheit.“

Ich kann mit Werner einfach nicht durch die Stadt fahren!

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber irgendwo müssen wir doch unter der Autobahn hindurch, die südlich und östlich um Bremen herumführt. Wenn ich Glück habe, gibt es dort auch eine Auffahrt. Dann könnte ich, bevor wir die belebteren Stadtregionen erreichen, wieder auf die Autobahn fahren – zum Bremer Kreuz und von dort nach Norden bis zur Abfahrt Industriehafen. Ich hoffe inständig darauf.

Und tatsächlich! Es gibt die BAB-Auffahrt Uphusen/Mahndorf. Ich biege plötzlich und unvermittelt nach links ab auf die Auffahrt. Werner ist überrascht – er ist überrumpelt. Ich sehe es ihm an. Wir reden kein Wort. Noch ist nicht alles gelaufen. Solange wir auf der Autobahn sind, besteht keine Gefahr. Da kommen wir nicht zum Stehen – und selbst wenn, auf der Autobahn aus dem Wagen springen, das würde Werner nicht wagen.

Aber direkt an der Abfahrt Industriehafen gibt es eine Ampel. Grün! Niemand vor uns. Freie Fahrt. Kein Halten. Wir haben Glück. Ich habe Glück. Werner auch – aber er sieht das vermutlich anders.

Wir fahren unter der Bahnunterführung hindurch, dann noch einmal links, kein Gegenverkehr! Bis zur Sonnemannstraße müssen wir nicht anhalten. Wir biegen ein. Noch 200 Meter – wir erreichen die Anstalt. Das große, elektrisch betriebene Schiebetor steht offen, gerade ist jemand hineingefahren. Ich suche schnell den Augenkontakt mit dem Kollegen vom allgemeinen Vollzugsdienst in der Pforte. Wir nicken uns zu. Ich halte nicht groß an – auch wenn ich nicht glaube, dass Werner vor dem Anstaltstor noch die Biege machen würde, aber sicher ist sicher.

Der Dienstwagen kommt auf dem Platz vor Haus I zum Stehen. Wir schauen uns an – Werner und ich. Ein leichtes Grinsen können wir uns beide nicht verkneifen. Wir wissen genau, was da gerade für ein Film abgelaufen ist.

Hinter uns schließt sich das Anstaltstor.

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