Das Leben ist wie Pizzaessen
oder Arbeit an der Grenze. Gestalttherapie.
Die Gestalttherapieausbildung hat mich schnell beeindruckt. Nicht nur die praktische gestalttherapeutische Arbeit sondern auch die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit überzeugten mich. Das hatte jedoch nicht dazu geführt, dass ich mich gut darauf einlassen konnte, zu meinen Themen im Rahmen der Gruppe zu arbeiten. Ich selbst im Mittelpunkt des Geschehens – da hätte immer noch meine Homosexualität Thema werden können. Dieses Thema wollte ich kontrollieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war es immer mit negativen Konsequenzen verbunden gewesen, wenn diese Seite von mir öffentlich geworden war.
An den Ausbildungswochenenden in Thölstedt hätte ich, wenn ich über diesen Schatten hätte springen können, deutlich mehr von mir einbringen können. Der Reflex, meine Homosexualität unter der Decke zu halten, hatte sich eingeschliffen. Um mich dazu zu bekennen, hätte ich sehr viel Energie aufbringen müssen. Solange es keine unabweisbare Notwendigkeit dafür gab, habe ich das nicht angesprochen. Birgit und ich, wir hatten die Ausbildung zusammen begonnen. Wir waren ein Paar und sind inzwischen verheiratet. Schon die Beziehung zu Birgit versperrte den anderen Ausbildungsteilnehmer*innen den Blick auf diese Seite von mir. Ich habe meine Homosexualität auch später nur ganz ausnahmsweise Menschen offenbart, die nicht selbst schwul waren. Sogar die „Jungs“ aus der Männergruppe, die sich in dieser Form gegen Ende der Gestalttherapieausbildung zusammengefunden hatte, haben erst im November 2013, also fast 20 Jahre später, von meiner Homosexualität erfahren.
Mit tiefenpsychologischen Psychotherapieverfahren hatte ich mich nicht ausführlich beschäftigt. Ich kannte in groben Zügen die theoretischen Grundlagen, hatte aber keine Bücher, sondern allenfalls Zusammenfassungen oder Artikel dazu gelesen. Das, obwohl seit meiner Schulzeit die Bücherregale meiner Mutter prall mit den Werken von Freud, Jung und weiteren Vertretern tiefenpsychologischer Therapierichtungen gefüllt waren. Das Angebot meiner Mutter, mich bei einer Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten – inklusive der dazugehörigen Lehranalyse – zu unterstützen, hatte ich nicht nur wegen des durchsichtigen Versuches, mich auf diesem Wege auf eine Couch zu legen, abgelehnt. Ich kann einfach mit dem, was ich von Freud und Jung weiß, wenig anfangen. Es ist für mich nicht greifbar.
Das Strukturmodell von Es, Ich und Über-Ich finde ich merkwürdig. Ein Schichtenmodell, als bestünde der Mensch aus Schichten, die aber nicht wahrgenommen werden können. Ich bin der Überzeugung, dass nicht nur alle beschreibbaren physischen Eigenschaften eines Menschen, sondern auch alle Gedanken, alle Einstellungen, Haltungen und Reaktionsmuster, Hoffnungen und Träume irgendwo im Körper eine physikalische, chemische und/oder elektromagnetische, eben eine materielle Repräsentation haben – und sei sie auch noch so winzig. Keine Seele, die nach dem Tod irgendwo verbleibt, und damit auch kein Leben nach dem Tod. Nichts dergleichen.
Es hat noch lange gedauert, bis ich auf einen Text gestoßen bin, der meine Auffassung so auf den Punkt bringt, wie ich es selbst nicht hätte treffender formulieren können: “… wir alle bestehen aus einem Haufen biologischen und chemischen Mülls. Mit achtzig Prozent Wasser im Körper und hundert Prozent Zeit sind wir Touristen in unserem Leben bis zu dem Tag, an dem wir sterben und die Reise wieder zurückgeht in die atomare Geheimgesellschaft der kleinen, kleinsten Teilchen. Die Erde nimmt immer wieder das auf, was sie hervorgebracht hat. Herrlich, diese Lebensreise aus dem Nichts, ins Nichts, zum Nichts.”1
Meine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: Der bewusst gelebte Augenblick.
Die Theorie der Gestalttherapie ist für mich schlüssig und nachvollziehbar. Die Mütter und Väter der Gestalttherapie beschreiben das, was das Wesen des Menschen ausmacht, mit greifbaren, nachvollziehbaren Begriffen. Gestalttherapie hat ihre Wurzeln in den tiefenpsychologischen Therapieverfahren. Ohne Freud auch keine Gestalttherapie. Viele Gestalttherapeut*innen der ersten Generation haben bei den Begründer*innen der Psychoanalyse auf der Couch gelegen und von ihnen gelernt. In meinen Augen haben sie sich von den Merkwürdigkeiten der tiefenpsychologischen Therapieverfahren, die ich aus meiner Perspektive ausgemacht hatte, abgewandt.
Die Gestalttherapie stellt den Kontaktprozess, den Kontaktzyklus, in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.
Wenn ich den Kontaktzyklus später beschreiben oder erläutern wollte – und ich habe dieses grundlegende Prinzip immer mal wieder auch eine*r meiner Klient*innen erklärt –, dann habe ich meine Erklärung mit dem Satz begonnen: „Das Leben ist wie Pizzaessen.“
Pizza essen geht doch so: Du hast ein leichtes Hungergefühl, das dir schon bewusst wird, bevor der Magen anfängt zu knurren. Das führt zu der Überlegung, was du wohl essen könntest. Dann kommt dir vielleicht eine Pizza, die TK-Pizza im Gefrierschrank oder deine Lieblingspizzeria oder dein Lebensmittelvorrat mit den entsprechenden Zutaten – hoffentlich ist der Oregano nicht ausgegangen – in den Sinn. Falls deine Wahl auf die Pizzeria fällt, obwohl es da ziemlich voll sein könnte, hast du vielleicht schon die Speisekarte vor Augen und freust dich auf deine Lieblingspizza, die du dann im Restaurant bestellst. Etwas warten. Wenig später wird die Pizza serviert. Jetzt steht sie vor dir auf dem Tisch, dampft und sieht einfach lecker aus. Sie riecht gut. Vielleicht nimmst du deine Gabel und hebst den Boden der Pizza leicht an. Hat sie den richtigen Bräunungsgrad oder ist sie vielleicht doch angebrannt? Wenn sie gut ausschaut, dann nimmst du dein Messer, schneidest ein Stück ab und führst es mit der Gabel zum Mund. Du beißt darauf. Falls es versalzen ist, spuckst du es wieder aus. Du rufst den Kellner und reklamierst. Wenn die Pizza so schmeckt, wie du es erwartest – vielleicht ist sie heute auch ganz besonders gut geraten –, dann kaust du die einzelnen Bissen genüsslich klein, genießt den Geschmack und schluckst nach und nach kleine, zerkaute, gut zu verdauende Portionen herunter. Deine Verdauung besorgt das Weitere. Die Bestandteile deiner Nahrung werden Teil von dir. Sie nähren dich. Manches von dem, was dich nährt, wird vielleicht zur Produktion von roten Blutkörperchen benötigt, manches für Muskelzellen, manches für Sehnen, manches für Knochen. Falls du dazu neigst, mehr zu essen, als du benötigst, um deinen Energiebedarf zu decken, werden Reserven für schlechte Zeiten eingelagert. Wenn keine schlechten Zeiten kommen, dann leidest du schnell unter Übergewicht. Was von der Pizza nicht in dich eingebaut wird, was unbrauchbar ist, vielleicht nur als „Transportmittel“ oder „Verpackung“ benötigt wurde, das scheidest du wieder aus.
Ich habe das meinem Gegenüber in einer auf die jeweilige Situation angepassten Form beschrieben.
Theoretisch zusammengefasst haben es Fritz Perls, Ralf F. Hefferline und Paul Goodman in ihrem Buch Gestalt-Therapie so: „Jeder Kontaktvorgang ist eine Einheit aus Wahrnehmung, Bewegungsreaktion und Gefühl – ein Zusammenwirken der Sinne, der Muskulatur und des vegetativen Systems – und Kontakt geschieht an der Oberflächengrenze im Organismus/Umwelt-Feld.“2
Das Pizzabeispiel macht für mich genau das anschaulich. Um leben zu können, um lebendig zu bleiben, müssen Menschen immer wieder Pizza essen, immer wieder Bier trinken, immer wieder atmen und immer wieder Sonne tanken. Am besten tun sie das alles maßvoll. Alles nur Beispiele, aber anders kann ein Mensch nicht längerfristig funktionieren. Der Organismus erhält sich nur, indem er immer wieder Neues in sich aufnimmt, und dafür muss er immer wieder mit seiner Umwelt in Austausch treten. Die wichtigste Austauschfunktion mit der Umwelt ist nicht das Pizzaessen, sondern das Atmen. Ohne Essen kann ein Mensch relativ lange aushalten, ohne zu atmen, ohne den Sauerstoff aus der Atemluft, wird er nach ungefähr zwei Minuten ohnmächtig, und nach fünf Minuten ist sein Gehirn irreparabel geschädigt. Das alles trotz der Tatsache, dass der Weltrekord im Luftanhalten nach dem Guinnes Buch der Rekorde bei 24 Minuten und 37,36 Sekunden liegt.
Und es gibt natürlich nicht nur die physischen Austauschprozesse. Da ist das Pizzabeispiel nicht ganz passgenau. Es geht auch um psychosoziale Austauschprozesse, um Schamgrenzen, Bloßstellungsgrenzen, Wertgrenzen, Ausdrucksgrenzen, Vertrautheitsgrenzen – kurz, um alles, was im sozialen Bereich an Grenzen existiert und beachtet oder missachtet werden kann.
Ich bin von der Theorie und Praxis der Gestalttherapie nach wie vor überzeugt. So wie ich es sehe, ist die Gestalttherapie mit einer materialistischen Grundauffassung bruchlos vereinbar. Das ist mir wichtig.
Meine Haltung zur Gesprächspsychotherapie hat sich durch meine Beschäftigung mit Gestalttherapie im Laufe der Zeit dahingehend geändert, dass ich die Therapeutenvariable „Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte“, kurz VEE, als eine verhaltenstherapeutische Intervention betrachte und damit als nicht besonders hilfreich ansehe. VEE hatte mir im Hauptstudium im Rahmen der Gesprächsführungsausbildung die meisten Schwierigkeiten bereitet. Die Notwendigkeit, die emotionalen Anteile aus dem, was eine Klient*in gesagt hatte, zurückzuspiegeln, führte jedenfalls bei Student*innen mit wenig Erfahrung zu sehr stereotyp aufgebauten Sätzen, die oft mit „Sodass Du…“ oder „Sodass Sie …“ begannen. Daran schloss sich das an, was die angehenden Therapeut*innen an emotionalen Erlebnisinhalten glaubten, wahrgenommen zu haben. Die Klient*in erfährt so im Laufe der Zeit, dass die Therapeut*in auf die Äußerung emotionaler Erlebnisinhalte positiv reagiert, und passt sich dem an. Ich hatte genau diese Variable immer als sehr einschränkend empfunden. Die ursprünglich von Rogers als unconditional emotional warmth und congruence (Tausch: Echtsein – Ohne-Fassade-Sein) beschriebenen Variablen sind für mich eine grundlegende Voraussetzung für jegliche Arbeit in helfenden und therapeutischen Beziehungen, ganz unabhängig davon, wie man das, was sich tatsächlich in einer helfenden Beziehung ereignet, theoretisch beschreibt.