Ernsthafte Sorgen
Mädchen übten im Gegensatz zu Jungen überhaupt keinen Reiz auf mich aus. Das Jungengymnasium und das Mädchengymnasium in Cuxhaven waren ca. 250 Meter Luftlinie voneinander entfernt. Eine große Pause reichte aus, um einmal hinüberzugehen und nach einem kurzen Aufenthalt rechtzeitig zurückzukommen. Einige Klassenkameraden machten das gelegentlich. Wer sich erwischen ließ, bekam Ärger. Ich war während meiner Schulzeit nicht in die Versuchung gekommen, mit hinüberzugehen. Mädchen interessierten mich überhaupt nicht, auch wenn der Vater davon überzeugt war, dass das eines Tages noch kommen würde. Ich wusste es besser!
Regelmäßig fanden Sportstunden auch im Lehrschwimmbecken statt, das nicht weit von der Schule entfernt lag. Da konnte es passieren, dass meine Klassenkameraden beim Umziehen herauszubekommen suchten, wer von ihnen nun eigentlich den Größten oder den Längsten hatte. Ich hielt bei solchen Wettbewerben einen deutlichen Sicherheitsabstand ein. So sehr mich der Wettbewerb auch interessiert hätte, ich heuchelte Desinteresse. Der Gefahr, dass ich durch einen dummen Zufall, ein falsches Wort oder eine heftige Erektion hätte verraten können, dass ich großes sexuelles Interesse an den Schwänzen meiner Klassenkameraden hatte, wollte ich mich auf keinen Fall aussetzen.
Ich sah oft Jungen hinterher. Im Sommer, wenn viele von uns kurze Lederhosen trugen, wartete ich beim Sturm in die große Pause auf den Schulhof mit dem Hinuntergehen immer, bis der Strom von Jungen in kurzen Lederhosen sich vor mir in das breite Treppenhaus ergoss. Ich wollte denen, die vor mir die Treppe hinuntergingen, in die Kniekehlen schauen. Für mich waren die vielen nackten Jungenbeine und dabei besonders deren Kniekehlen ein sehr erregender Anblick. Mehr als fünfzig Jahre später sollte ich erfahren, dass ich nicht der Einzige bin, für den die Kniekehlen von Jungs und jungen Männern ein erregender, erotischer Anblick sind. Auch Pier Paolo Pasolini spürte seine Homosexualität das erste Mal als Wonnegefühl beim Betrachten der Kniekehlen fußballspielender Jungs.
Ich hätte Jungen auch sehr gerne berührt. Kurze Zeit hatte ich einen etwa gleichaltrigen Schulfreund aus einer anderen Klasse. Wie wir zusammengekommen waren, das kann ich nicht mehr sagen. Wir hatten uns mögen gelernt. Gemeinsam waren wir in den Pausen auf eine ganz merkwürdige Weise eng aneinander, uns berührend, auf dem Schulhof herumgelaufen. Einer hatte sich beim anderen so auf der Schulter aufgestützt, dass sie sich mit möglichst viel Körperfläche ‚unauffällig‘ berührten. Aber unauffällig konnte das unter keinen Umständen gewesen sein. Genau genommen muss es sehr merkwürdig ausgesehen haben. Es hat nie jemand etwas dazu gesagt. Wir mochten uns, haben uns aber außerhalb der Schule nicht getroffen. Die Pausen auf dem Schulhof, das waren unsere Zeiten miteinander. Ich hatte Angst vor dem, was möglicherweise hätte passieren können, wenn wir uns auch außerhalb getroffen hätten. Wie es meinem Kameraden dabei gegangen ist, das wusste ich nicht. Wir hatten über alles Mögliche geredet. Wir gingen nicht stumm über den Schulhof, so eng beieinander, aber über unsere Art, miteinander zu sein und uns zu berühren, haben wir nicht gesprochen. Es war einfach so. Eines Tages war es vorbei, als wäre ein anderer Gang eingeschaltet worden.
Die ersten Aktfotos von menschlichen Körpern hatte ich in den Medizin- und Pathologie-Lehrbüchern meiner Mutter betrachtet. Die Bücher standen im Wohnzimmer in einem mit Türen verschließbaren, aber nicht verschlossenen Schrank. Ich blätterte heimlich in den Büchern, die reichlich bebildert waren. Ich war mir dabei darüber im Klaren, dass diese Bilder keine gesunden Menschen darstellten. Das war unzweifelhaft zu erkennen. Mit ein bisschen Abstraktionsvermögen konnte ich mich aber auch daran sexuell erregen, jedenfalls an den Bildern von männlichen ‚Modellen‘. Die pathologischen Darstellungen von weiblichen Körpern nahm ich ‚informativ‘ zur Kenntnis. In einem der Fachbücher meiner Mutter hatte ich mit Genugtuung Hinweise darauf gefunden, dass das Gerücht, ein Mann habe nur eine endliche, also gleichsam mit der Geburt festgelegte Anzahl von Samenergüssen zur Verfügung, jeglicher medizinischen Grundlage entbehrte. Ich hätte mir gerne auch Aktbilder von gesunden Menschen angesehen, sah aber keine Möglichkeit, an solche Bilder heranzukommen.
Je näher mein 14. Geburtstag rückte, desto mehr drängten mich ernsthafte Sorgen. Mir war bewusst, dass man mit 14 strafmündig wird und man dann von einem Gericht bestraft werden kann, wenn man etwas stiehlt. Das wusste in meinem Alter jeder. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und hatte auch keinerlei Absichten, etwas zu stehlen. Ich wusste aber, dass Homosexualität strafbar war. Woher genau ich das wusste, das hätte ich nicht sagen können. Das Thema Homosexualität betraf mich unmittelbar, und wann immer es etwas zu diesem Thema aufzuschnappen gab, hatte ich es abgespeichert.
Über Homosexuelle oder ‚warme Brüder‘ wurden auch unter den Mitschülern schon mal Witze gemacht. Ich hielt mich zurück, ich hätte mich nur verraten können! Allein das war schon ein Grund, nur ja die Klappe zu halten. Ich war also ein ‚warmer Bruder‘. Ich hasste diesen Ausdruck, sobald ich begriffen hatte, dass auch ich damit gemeint war. Das, was mich in meinem Innersten ausmachte, war ganz automatisch strafbar. Jungen erregten mich und beschäftigten mich in meinen Gedanken. Wenn ich mich selbst befriedigte, dann dachte ich immer an Jungen. Woran auch sonst. Das aber durfte nicht öffentlich werden. Deswegen war es für mich wichtig, nirgends anzuecken. Nichts Böses und schon gar nichts Strafbares zu machen. Ich durfte nicht in die Gefahr kommen, schuldig zu sein, mich verteidigen zu müssen, womöglich in einen Streit zu geraten. Wann immer etwas schiefging, ich in der Nähe war und die Sache auch nur im Entferntesten mit mir hätte zu tun haben können, lief in mir ein Programm ab, das alle Möglichkeiten meiner Beteiligung, meiner möglichen Schuld durchscannte. Oft führte das dazu, dass ich reflexartig kundtun musste, dass ich jedenfalls nicht schuld gewesen sei, ob ich dazu gefragt wurde oder nicht. Ich konnte das nicht kontrollieren. Ich kann das bis heute nicht.
Das Nicht-Schuld-sein-Dürfen war eng verbunden mit dem Sich-nicht-Streiten-Können. Soweit wie möglich bin ich jedem Streit aus dem Weg gegangen. Zu körperlichen Händeln fühlte ich mich nicht fähig, sportlich hielt ich mich für eine Niete. Wenn es einmal hart auf hart kam und sich eine direkte Konfrontation nicht vermeiden ließ, dann versuchte ich Tricks der Art, wie ich sie schon früher genutzt hatte. Da hatte ich einem Kontrahenten die Mützen vom Kopf gerissen, sie möglichst weit geworfen und das Hasenpanier ergriffen, während der andere seine Mütze holen lief. Bei verbalen Auseinandersetzungen hatte ich die Befürchtung, dass sie aus dem Ruder laufen könnten, und zwar vollkommen unabhängig davon, worum es gerade ging. Ein Wort hätte das andere geben können. Diese Redewendung beschreibt meine Angst sehr treffend. Das andere Wort hätte das Adjektiv „schwul“ oder auch „homosexuell“ sein können, und womöglich hätte es mit mir in Zusammenhang gebracht werden können. Das hätte jederzeit wie aus heiterem Himmel passieren können. Ich verglich es damit, dass vor mir ohne jeden erkennbaren Grund eine Erdspalte aufbrechen und heiße Lava verströmen würde. Dann wäre alles anders geworden. Ich hatte keine Idee davon, wie anders es sein würde. Aber egal, wie es wäre – ich war mir sicher, dass ich das nicht wollte. Ich konnte über das, was mich im Innersten bewegte, was mich ganz existenziell ausmachte, mit niemandem reden. Ich konnte es nicht aussprechen. Ich stritt mich nicht und ich prügelte mich nicht! Trotzdem beging ich regelmäßig Straftaten, indem ich den § 175 StGB verletzte.
Ich hatte mir aus der Stadtbücherei ein Strafgesetzbuch beschafft. Dafür musste ich mich aus der Karl-May-Ecke herausbewegen und in anderen Gegenden der Bücherei recherchieren. Ich hatte das Strafgesetzbuch ohne Probleme ausleihen können. Niemand hatte gefragt, was ich damit wolle. Ich hatte vorher große Sorge, dass Minderjährige ein StGB nicht ausleihen dürften. Es hätte sein können, dass so etwas unter die Erwachsenenbücher fiel. Zu Hause hatte ich dann den einschlägigen Paragrafen in der zu diesem Zeitpunkt, also 1966, geltenden Fassung gefunden: „§ 175 (1) Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft. (2) Bei einem Beteiligten, der zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war, kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen.“
Das war eindeutig. Mein Verhalten konnte ich nicht ändern. Dafür waren Jungs für mich viel zu attraktiv. Ich hoffte, dass das, was ich machte, zu den „besonders leichten Fällen“ zählen würde. Etwas anderes blieb mir gar nicht übrig. Ich hatte niemanden, den ich hätte fragen können, ohne Gefahr zu laufen, mich zu verraten.