Eine verpasste Freundschaft

Ein einziges Mal bin ich im Alter von 16 Jahren zu einer Messdiener-Schulung mit dem Zug in den Harz gefahren. Es war sehr aufregend, lauter Gleichgesinnte kennenzulernen und sich über neue Möglichkeiten der Gottesdienstgestaltung auszutauschen, genauer gesagt, solche Möglichkeiten kennenzulernen. Wir sangen sogar Gospel-Lieder im Gottesdienst. Ich hatte vorher noch nie einen Gospelsong gehört. Das ganze Seminar hatte mir gefallen, aber wegen der Begegnung mit Martin werde ich mich mein Leben lang an dieses Seminar erinnern.

Wir verstanden uns auf Anhieb. Martin war schlank, deutlich größer als ich und auch ein paar Monate älter. Er sah einfach gut aus. Er machte eine Ausbildung zum Chemielaboranten in einer Glasfabrik, der Wilhelmshütte in Nienburg.

Wir hatten während des Seminars viel zusammengehangen, beim Essen saßen wir am gleichen Tisch. Die freie Zeit verbrachten wir zusammen. Wir verstanden uns prima und auf der Heimfahrt hatten wir zunächst den gleichen Weg. Bis nach Nienburg saßen wir im selben Zug. Je näher wir Nienburg kamen, desto mehr trübte sich meine Stimmung ein. Ich wollte Martin gerne wiedersehen, es sollte mit dem Kontakt nicht vorbei sein, wenn mein neuer Freund ausgestiegen war. Ich schaffte es aber nicht, etwas in der Richtung zu sagen. So verabschiedeten wir uns herzlich, als der Zug in Nienburg einlief. Ich hatte dabei einen Kloß im Hals. Ich musste mir Mühe geben, nicht zu weinen.

Deprimiert fuhr ich weiter in Richtung Bremen und Cuxhaven. Meine schlechte Stimmung hielt so lange an, bis ich in die Tasche meines Parkas griff, um einen Bonbon herauszuholen. Bei dieser Gelegenheit stieß ich auf ein Stück Papier. Ich hatte doch kein Papier in meiner Tasche!? Ich fingerte das Papier heraus und las: „Martin M., Straßenname. XX, Nienburg. Melde Dich doch mal.“ Jetzt kamen mir die eben noch mühsam zurückgehaltenen Tränen mit Macht. Ich war glücklich.

Martin und ich haben uns nach diesem Seminar noch zweimal getroffen. Martin ist einmal zu Besuch in Cuxhaven gewesen, und ich habe einen Gegenbesuch in Nienburg unternommen. Wir hatten keinen Sex. Das stand gar nicht auf dem Programm. Ob ich mir das innerlich vielleicht gewünscht habe, das kann ich mehr als 50 Jahre später nicht mehr sagen. Es ist aber sehr unwahrscheinlich. Martin war nicht schwul. Daran hatte ich keine Zweifel. Wir hatten außer dieser Messdienerschulung keine Gemeinsamkeiten, außer gegenseitiger Sympathie. Wenn wir Freunde geworden wären, also so richtige Freunde, … was dann? Ich habe das damals nicht im Detail durchdacht, aber ich hatte unterschwellig das Gefühl, dass eine Freundschaft mit Martin nicht möglich gewesen wäre, ohne ihm von meiner Vorliebe für Jungs zu erzählen. Und ich fand Martin auch sehr anziehend. Ich hätte niemals alles von mir erzählen können – und was wäre das dann für eine Freundschaft gewesen?

Die Freundschaften mit Schulfreunden waren da anders gestrickt. Mit meinen engen Schulfreunden – zum Beispiel mit Mani –, die von all dem nichts wussten, hatte ich andere gemeinsame Erfahrungen, die dazu taugten, eine Freundschaft zu tragen, solange ich in Cux wohnte. Da waren die Themen anders. Zusammen ausgehen und Bier trinken, spätabends noch in der Stadt eine Bratwurst essen. Gemeinsame Freizeitaktivitäten halt.

Mit Martin hatte ich solche Erfahrungen nicht. Ein Seminar, ein Besuch, ein Gegenbesuch. Ich weiß nicht einmal mehr, was wir unternommen haben. Ich habe dieser nicht zustande gekommenen Freundschaft lange nachgetrauert. Ein Foto von Martin, wahrscheinlich von meinem Vater bei dem Cux-Besuch geschossen, hängt heute noch an der Pinnwand über meinem Schreibtisch.

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